Wir wollen nicht die Ausnahme – wir wollen selbstverständlich sein

Laut Bundesamt der Statistik stehen in der Schweiz 100 Frauen 99 Männern gegenüber. Gleichstellung aber ist noch immer ein belastetes Thema. Bis zur Gleichbehandlung von Frau und Mann ist es in vielen Bereichen noch ein weiter Weg. Wie sieht das in Käsebranche aus? Wir haben dazu vier Frauen befragt: Darja Moser, die Vize-Geschäftsführerin des Familienunternehmens bonCas, Noemi Decurtins, Geschäftsführerin Seiler Käse, Liliane Arnold, Käserin, Sennerei Simplon und Elina Schuler, Lernende Milchtechnologin EFZ.

Die Schweizer Käsebranche ist traditionell männlich geprägt. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2022 mit 778 Frauen aus allen Landesteilen sehen sich viele Frauen in der Landwirtschaft noch immer in klassischen Frauenrollen als Hausfrau, Mutter und Bäuerin. Das Selbstverständnis ist jedoch in Bewegung. Auch, da sich die wirtschaftlichen Rollen in den Betrieben wandeln. Frauen tragen an vielen Stellen wesentlich zum Erfolg von Betrieben bei. Und mehr als das. Sie führen Familienbetriebe, prägen regionale Spezialitäten und wagen mutige berufliche Schritte.

Die Marketingfrau & Geschäftsführerin

Darja Moser ist eine von ihnen. Seit Beginn dieses Jahres führt sie zusammen mit ihrem Bruder Denis das Familienunternehmen ihrer Eltern in dritter Generation. Schon ihre Ausbildung spiegelt ihre Leidenschaft für das Thema Käse wider. Einer Lehre im Detailhandel folgte zunächst eine Ausbildung zur Marketing- und Verkaufsfachfrau und Käse-Sommelière sowie ein Nachdiplomstudium in Unternehmensführung.

Heute bringt die Vize-Geschäftsführerin von bonCas frischen Wind in die Weichkäseproduktion ihres Betriebes. Die hohe Qualität des Weichkäses ist für Darja Moser dabei die unverzichtbare Grundlage. Durch neue Ideen, das Aufgreifen von Konsumententrends und den Einsatz hochwertiger Verpackungsdesigns entwickelt die Familie mit ihren 30 Mitarbeitenden das Unternehmen stetig weiter.

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Wir stellen ein traditionsreiches Produkt her, positionieren uns jedoch als modernes und weltoffenes Unternehmen, das Frauen fördert und zeigemässe Arbeitsmodelle unterstützt.

Darja Moser

«Käse ist ein traditionsreiches Produkt, erklärt die 33-Jährige. «Aus meiner Sicht liegt der Schlüssel zum Erfolg darin, bewährte Werte mit modernen Ansätzen zu verbinden.» Auf die Frage, warum Männer noch immer die Käsewirtschaft dominieren, findet sie schnell eine Antwort: «Das hat mit dem gesellschaftlichen Wandel zu tun. Rollenbilder sind heute deutlich offener als früher. Wir haben mehr Hilfsmittel, die uns bei körperlich anstrengenden Arbeiten unterstützen. Um die Attraktivität der Arbeit für Frauen langfristig zu halten, aber haben wir noch einiges zu tun.»

Die Geschäftsführerin aus der Ostschweiz

Noemi Decurtins wollte eigentlich Feuerwehrfrau oder Seiltänzerin werden. Beim Blick in ihren prallvollen Terminkalender findet sie diese Berufe auch heute noch ziemlich passend. Im Gegensatz zu Darja Moser hatte Noemi Decurtins aber nur sporadischen Kontakt zur Milchbranche. Umso spannender war es für sie, mit einem frischen Blick und viel Neugier in die Branche einzusteigen. Dieser Aussenblick hilft ihr bis heute, Gewohntes zu hinterfragen und den Wert des Handwerks bewusst wahrzunehmen. Als Geschäftsführerin der Seiler Käserei setzt sie sich dafür ein, mit Grosskunden Partnerschaften aufzubauen: «Eine nachhaltige Partnerschaft ist eine Investition in die Zukunft. Deshalb engagieren wir uns für das Thema Aus- und Weiterbildungen in Branchenarbeit und tragen dazu bei, Wissen und Qualität für die nächste Generation zu sichern.»

Teil des Unternehmens Seiler Käse ist Noemi Decurtins seit 2023. Ergänzend zu ihrem Bachelor-Abschluss in Betriebsökonomie und ihrem Master Business Administration begann sie eine Ausbildung zur Milchtechnologin, um ihr fachliches Fundament zu festigen. Im Mai 2024 übernahm sie dann die Geschäftsführung. In kurzer Zeit, aber mit voller Intensität, lernte sie Strukturen, Prozesse und Menschen kennen. «Wir verarbeiten rund 13 Millionen Kilogramm Milch pro Jahr. In Giswil beschäftigen wir 35 Mitarbeitende. Mit der Tochtergesellschaft Molki Meiringen kommen weitere 32 Mitarbeitende hinzu.» Ihren Führungsstil beschreibt sie als klar und empathisch. Ihr ist es wichtig, Orientierung zu geben und gleichzeitig Raum für Entwicklung zu lassen.

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Es braucht eine sorgfältig abgewogene Balance zwischen Mut zu Neuem und Effizienz im Bestehenden.

Noemi Decurtins

«Ich bin überzeugt, dass wir uns stetig weiterentwickeln müssen, um den wachsenden Marktanforderungen gerecht zu werden», lächelt die 32-Jährige. «Dabei darf auch einmal etwas nicht funktionieren. Entscheidend ist, wie wir daraus lernen und es besser machen.» Eine klar gelebte Markenidentität nach innen wie nach aussen sind ihr dabei wichtig. Denn sie stärkt das gemeinsame Verständnis, fördert ein stabiles Arbeitsklima und bildet die dafür, konstant hohe Qualität zu erreichen und weiter auszubauen.

 

Die Frage, die von Männern dominierte Branche besonders Frauen anzieht, beantwortet Noemi Decurtins so schnell wie überzeugt: «Die Lebensmittelbranche war schon früh ein Bereich, in dem Frauen Verantwortung übernommen haben. Viele Betriebe sind familiengeführt. Das schafft in dieser Branche für Frauen von Anfang an gute Voraussetzungen, um sich gleichberechtigt einzubringen und Verantwortung zu übernehmen.»

Die Käserin und Betriebsleiterin

Dafür ist auch Liliane Arnold ein gutes Beispiel. Die Bauerntochter wuchs in Simplon auf und hatte schon früh den Wunsch selbst Bäuerin zu werden. Den Betrieb ihrer Eltern jedoch übernahm ihr älterer Bruder. Deshalb schnupperte sie als Käserin bei ihrem Onkel, dem damaligen Betriebsleiter der Sennerei Simplon. Seit 1.August 2021 ist sie nun selbst Betriebsleiterin der Sennerei Simplon. «2007, bei meiner Ausbildung zur Milchtechnologin waren wir gerade mal 2 Frauen von insgesamt 18 Lernenden», lacht die heute 40-Jährige.

Der Tag beginnt für Liliane Arnold um 5:30 und endet um meist um 18 Uhr. Sie hat vier Wochen Ferien pro Jahr und pro Woche eineinhalb Tage frei. Mit ihren sechs Mitarbeitenden verarbeitet sie pro Jahr zwischen 800'000 und 850'000 Liter Milch. Zum grossen Teil entstehen daraus Raclette du Valais AOP und als Nebenprodukte noch Bergkäse, Hobelkäse und Tomme Stockalper.

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Wenn es dem Bauer und den Tieren gut geht, geht es auch dem Käse gut.

Liliane Arnold

Auch Liliane Arnold bemerkt, dass sich immer mehr Frauen für eine Beschäftigung in der Milchbranche interessieren. Aber auch früher schon seien Frauen fürs Käsen auf den Alpen im Sommer zuständig gewesen. Ihrer Ansicht nach ist es gleich, ob ein Mann oder Frau den Beruf ausübt. Hauptsache man ist mit dem Herzen dabei. Und wenn jemand etwas dazu sagen hat, folgt sie einem einfachen Motto: Die Leute reden und die Kälber kalben lassen.

Die Lernende

Auch für Elina Schuler, Lernende Milchtechnologin EFZ, ist es nicht sehr aussergewöhnlich, als Frau in der Milchbranche zu arbeiten. Viele ihrer Freundinnen arbeiten selbst in von Männern dominierten Berufen. Sie wuchs in einem Landwirtschaftsbetrieb auf und hatte somit bereits von Anfang an eine Verbindung zur Milchwirtschaft.

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Wir wollen nicht die Ausnahme – wir wollen selbstverständlich sein.

Elina Schuler

Während viele Ihrer Freundinnen und Freunde digitale Berufe wählten, entschied sie sich bewusst fürs Käsehandwerk: «Mein Traumjob als Kind war Landwirtin oder Tierärztin. Mir gefallen besonders das Teamwork und die Unterstützung im Betrieb.»

Heute ist Elina Schuler im dritten Ausbildungsjahr. Mit ihr sind 7 Frauen von insgesamt 16 Lernenden in der Klasse. Eine Zahl, die auch einen allgemeinen Trend widerspiegelt. Aktuell entspricht der Frauenanteil bei Lernenden der Milchtechnologie etwa 35%. Ein gutes Zeichen dafür, dass Frauen auch zahlenmässig immer stärker in der Milchbranche vertreten sind. Bleibt zu hoffen, dass dies sich auch auf die die Gleichbehandlung von Frauen auswirkt.