Schweizer Milchwirtschaft sichert die Produktion: 105 neue Fachkräfte

Joghurt, Käse und Glacé auch 2050 noch in der Schweiz hergestellt

Schweizer Käse, Rahm, Butter, Joghurt, Milch Shake oder Caffè Latte stehen für Qualität und zählen zu den beliebtesten Produkten made in Switzerland. 20 Industriebetriebe und rund 500 Käsereien entwickeln immer wieder neue Innovationen. Das soll auch in Zukunft so bleiben. Deshalb unternimmt die Milchwirtschaft intensive Anstrengungen für den Nachwuchs: 2017 schliessen 84  MilchtechnologInnen und 21 MilchpraktikerInnen die Lehre ab. Um einen Arbeitsplatz müssen sie sich keine Sorgen machen. Genuss wird auch im Jahr 2050 gross geschrieben.

Die Digitalisierung ist in aller Munde – es werden in fast jeder Schweizer Branche grosse Veränderungen erwartet. In der Milchwirtschaft ist die Digitalisierung bereits seit vielen Jahren im Gange. In der Industrie und in den Käsereien ist die Herstellung ohne digitale Hilfsmittel nicht mehr denkbar. Denn Effizienz wird gross geschrieben – das gilt auch für die kleine Käserei, die ihre Eigenentwicklungen nur lokal oder regional verkauft. Hans Aschwanden, Präsident des Schweizerischen Milchwirtschaftlichen Vereins, der für die Aus- und Weiterbildung der Berufe Milchtechnologen und Milchpraktiker verantwortlich ist: «Heute sind die Kenntnisse im Labor, in der Bedienung und Steuerung der unterschiedlichsten Anlagen selbstverständlicher Bestandteil der Ausbildung. Auch in Zukunft wird es die Milchtechnologen brauchen. Denn neben der technischen Kompetenz und dem Handwerk ist sehr viel Wissen über den sensiblen Rohstoff Milch erforderlich. Er ist niemals gleich – damit die Produkte trotzdem gleich schmecken, braucht es gezielte Massnahmen. Dies ist deshalb so anspruchsvoll, weil die Schweizer Käsesorten zum grössten Teil ohne Zusatzstoffe auskommen. Natürlichkeit wird in unserer Branche gross geschrieben. Das ist der Grund, warum es auch in über 30 Jahren noch Milchtechnologen brauchen wird. Möglicherweise hat sich ihr Alltag verändert, aber ihre Kenntnisse und Kompetenz werden weiterhin wichtig sein.» 

Begeisterter Nachwuchs

Wer einer Käserei oder einem Industriebetrieb einen Besuch abstattet und den Fachleuten bei der Arbeit zuschaut, sieht viele leuchtende Augen und offensichtlich zufriedene Gesichter. Milchprodukte herzustellen macht Spass – das ist auch in den Videos über verschiedene Betriebe zu erkennen, die unter milchtechnologe.ch oder auf facebook.com/milchtechnologe zu sehen sind. Ebenfalls sichtbar wurde dies an den diesjährigen Lehrabschlussfeiern in der Deutschschweiz. Jene in Grangeneuve findet Ende September statt.

Ostschweizer Milchwirtschaft sichert die Produktion: 30 neue Fachkräfte

Zentralschweizer Milchwirtschaft sichert die Produktion: 20 neue Fachkräfte

Berner Milchwirtschaft sichert die Produktion: 31 neue Fachkräfte

Wir haben die zwei jeweils Besten aus den drei Deutschschweizer Regionen gefragt, wie sie zum Beruf gekommen sind, was sie daran begeistert und welche Pläne sie nun haben:

Absolventen Ostschweiz

«Mich begeistert es, viele verschiedene Produkte herzustellen» (5.9, Ostschweiz)

Karoline Margreitter (26) aus 8506 Lanzenneunforn, Verein Schloss Herdern, 8535 Herdern
Karoline Margreitter machte ihre Ausbildung zur Milchtechnologin in der Käserei des Vereins Schloss Herdern. Im Schloss werden neben Käse auch verschiedene andere Lebensmittel und handwerkliche Produkte hergestellt. Die Käserei ist auf Tilsiter spezialisiert. Daneben werden auch Mutschli, Joghurt und Pastmilch produziert. Karoline Margreitter hat schon einige Erfahrung im landwirtschaftlichen Bereich: «Milchtechnologin ist meine Zweitausbildung. Während meiner Erstausbildung habe ich im Sommer immer auf einer Alp selber gekäst und wollte dann noch die theoretischen Grundlagen dazu lernen.» Besonders spannend findet sie, «dass man aus einem Rohstoff so viele verschiedene Produkte herstellen kann – von Käse über Desserts bis hin zu Eis». Nach dem Lehrabschluss möchte sie ihre Erstausbildung mit den Kenntnissen aus der Milchtechnologie verbinden oder auch andere junge Menschen ausbilden. 

«Mehr über die Milch erfahren» (5.6, Ostschweiz)

Christoph Öttl (26) aus 7180 Disentis/Mustér, Chascharia Val Müstair, 7537 Müstair
Die Chascharia Val Müstair im Engadin steht für hochwertige und geschmackvolle Käseproduktion aus dem UNESCO geschützten Val Müstair. Die Käserei arbeitet nur mit der Milch von regionalen Bauernbetrieben. Mit ihren biologischen Bergkäsesorten Mutschli, Kräuter Mutschli und Val Müstair Käse hat die Chascharia schon einige Preise gewonnen. Für Christoph Öttl war es ein logischer Schritt, sich hier als Milchtechnologe ausbilden zu lassen. Schon als Kind war er oft auf der Alp, hat als Hirt und als Käser gearbeitet. «Ich wollte mehr über die Milch erfahren, deshalb habe mich zur Lehre als Milchtechnologe entschieden.» Von seiner nun abgeschlossenen Ausbildung ist er begeistert – die Arbeit ist interessant und vielfältig. Zwar hat sich der Beruf in den letzten Jahren stark technisiert, ist aber trotzdem traditionell geblieben. «Man stellt die unterschiedlichsten Milchprodukte her, lernt alles von Technik über Chemie bis Biologie. Milchtechnologe ist ein Beruf mit vielen Chancen», ist Christoph Öttl überzeugt. Nach der Lehre will er in der Branche bleiben. Sein Können hat er dieses Jahr bereits an der Berufsmeisterschaft der Milchtechnologen Ostschweiz bewiesen, wo er den dritten Platz belegte. Seinem Traum, Leiter einer Käserei zu werden oder gar seine eigene Hofkäserei zu gründen, sollte nichts mehr im Weg stehen. 

Absolventen Zentralschweiz

«Lebensmittel zu verarbeiten macht mir einfach Freude» (5.5, Zentralschweiz)

Bernd Faisst (45) aus 5737 Menziken, Emmi Schweiz AG, 6252 Dagmersellen
Jährlich werden in der Schweiz rund 3,4 Millionen Tonnen Kuhmilch produziert. Gut eine Million Tonnen davon wird von der Emmi Schweiz AG zu Käse, Frischkäse, Joghurt oder Rahm verarbeitet. Damit ist die Emmi Schweiz AG die grösste Milchverarbeiterin der Schweiz. Aufgrund der steigenden Nachfrage werden auch vermehrt Produkte aus Ziegen- und Schafmilch hergestellt. Der Standort in Dagmersellen, seit den 60er Jahren aktiv, ist heute die grösste Schweizer Produktionsstätte von Mozzarella. Hier hat der 45-jährige Bernd Faisst aus Menziken seine Lehre als Milchtechnologe gemacht – für den dreifachen Familienvater nicht die erste Ausbildung. «Ich bin ausgebildeter Koch. Lebensmittel zu verarbeiten macht mir einfach Freude. Ich habe mir gesagt, wenn die Kinder aus dem Haus sind, lerne ich einen zweiten Beruf. Käse hat mich schon immer interessiert; deshalb werde ich nun Milchtechnologe.» Die grosse Chance sieht er in den unzähligen Möglichkeiten, die man als Milchtechnologe hat. «Man kann die Berufsprüfung und den Meister machen, in einem Labor oder in der Industrie als Anlagenführer arbeiten, oder eine Weiterbildung zum Lebensmitteltechniker absolvieren. Man kann sich in eine Kaderposition hocharbeiten oder aber auf der Alp, alleine in aller Ruhe mit dem Produkt arbeiten.» Als Milchtechnologe stehen einem so viele Wege offen, deshalb ist Bernd Faisst überzeugt: «Jeder, der gerne mit Milchprodukten arbeitet, ist für den Beruf geeignet». Nach dem erfolgreichen Lehrabschluss hat Bernd Faisst noch einiges vor: «Ich will die Weiterbildungen zur Berufsprüfung und zur Höheren Fachprüfung besuchen und später eine Kaderposition als Teamleiter besetzen – am liebsten in einem Industriebetrieb. Gerne möchte ich auch mein Wissen, meine Erfahrungen weitergeben und Lehrlinge ausbilden.» 

«Milch ist nicht nur Milch» (5.4 Zentralschweiz)

Dominic Falch (23) aus 6196 Marbach, Bergkäserei Marbach AG, 6196 Marbach
Durch seine in Tirol abgeschlossene Ausbildung zur Land- und Ernährungswirtschaft fand der 23-jährige Dominic Falch aus Marbach zum Beruf Milchtechnologe. «Ich wollte Landwirtschaft mit der Veredelung von Nahrungsmitteln verbinden, deshalb habe ich mich dazu entschlossen, eine zusätzliche Lehre zu machen.» Diese absolvierte er in der Bergkäserei Marbach AG, wo Kühe und Büffel in langer Tradition gehalten werden. Zu den Spezialitäten der Bergkäserei gehören unter anderem diverse Büffelprodukte. Das 25-köpfige Team stellt allerdings auch verschiedene andere Milch- und Käseprodukte her. Jährlich werden etwa 20 Millionen Liter Milch zu rund 1500 Tonnen Käsereiprodukten verarbeitet. «Mich begeistert vor allem die Vielseitigkeit des Berufs, denn Milch ist nicht nur Milch. Man kann sehr viele verschiedene Sachen aus Milch machen», meint Dominic Falch. Dank intensiver Vorbereitung auf die Lehrabschlussprüfung und tatkräftiger Unterstützung durch seinen Lehrmeister konnte er am Donnerstag sein Abschlusszeugnis entgegennehmen. Für Dominic Falch liegen die Chancen in diesem Beruf vor allem bei den Ziegenmilch-Produkten, da immer mehr Konsumenten an Unverträglichkeiten leiden. In drei bis fünf Jahren würde er gerne den eigenen Betrieb leiten und in direktem Kontakt zu den Konsumenten stehen. 

Absolventen Bern

«Ein cooler Beruf mit grosser Vielfalt» (5.5, Bern)

Simon Jampen (19) aus 3225 Müntschemier, Milchkanne-Käserei Kerzers, 3210 Kerzers
Der 19-jährige Simon Jampen aus Müntschemier hat den Beruf Milchtechnologe am Zukunftstag kennengelernt. «Ich habe gesehen, dass es ein cooler Beruf ist. Darauf habe ich bei verschiedenen Betrieben geschnuppert und herausgefunden, wo es mir am besten gefällt.» Seine Wahl fiel auf die Milchkanne-Käserei Kerzers. Vor zwei Jahren hat Gérald Pittet die über 100-jährige Käserei als Pächter übernommen. «Mich begeistert die grosse Vielfalt an Arbeiten und Produkten», meint Simon Jampen. «Wir stellen hier von Käse über spezielle Sachen wie Glace, Quark, Joghurt oder Milchgetränke alles her.» Für die Lehrabschlussprüfung hat er schon früh angefangen zu lernen. «Ich habe mir eine Liste mit Lernzielen gemacht. Ich habe mit den Lehrmitteln gearbeitet und repetiert, was wir im Unterricht gelernt haben.» Nach abgeschlossener Lehre will er nun sicher auf dem Beruf bleiben. «Vielleicht mache ich noch eine Zweitausbildung im Lebensmittelbereich und spezialisiere mich in eine andere Richtung.» Die besonderen Chancen in seinem Beruf sieht er in den Weiterbildungsmöglichkeiten: «Man kann die Berufsprüfung machen oder Käsereimeister werden – das ist cool. Man kann in andere Lebensmittelbetriebe gehen und zum Beispiel Backwaren oder Getränke produzieren. Aber auch Labor und Forschung interessieren mich».


«Ich will in Richtung Food Science gehen» (5.4, Bern)

Emilia Romana Galli (17) aus 3533 Bowil, Nestec Ltd., 3510 Konolfingen  
Die 17-jährige Emilia Galli aus Bowil macht ihre Lehre bei Nestlé Research Konolfingen. Die Wurzeln von Nestlé liegen im 19. Jahrhundert. 1866 wurde in Cham die erste europäische Kondensmilchfabrik, die Anglo-Swiss Condensed Milk Co., gegründet; 1867 entwickelt Henri Nestlé seine milchhaltige Säuglingsnahrung. 1905 fusionierten die beiden Unternehmen – der Rest ist Geschichte. Heute ist Nestlé der grösste Nahrungsmittelkonzern der Welt. In Konolfingen, dem grössten und führenden Forschungs- und Entwicklungszentrum von Nestlé für milchbasierte Produkte, sind heute über 600 Mitarbeitende beschäftigt. Auf der Suche nach der idealen Arbeit ist Emilia Galli auf den Beruf Milchtechnologe gestossen. «An meiner Tätigkeit begeistert mich die grosse Vielfalt. Es gibt viel Technisches, man arbeitet mit Lebensmitteln und kann auch etwas von Hand machen.» Auf den Lehrabschluss hat sie sich gut vorbereitet. Mit dem Abschluss als Milchtechnologin EFZ hat sie nun viele verschiedene Optionen. «Man kann zum Beispiel Lebensmittelingenieur studieren oder in die Entwicklung gehen. Ich persönlich möchte in drei bis fünf Jahren gerne studieren. Nächstes Jahr will ich die naturwissenschaftliche Berufsmaturität machen und nachher in Richtung Food Science gehen.»